Der denkwürdige Aufstieg und Fall
des Dagobert Duck -
Ein guter und ein schöner Rat zum Abitur
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,
verehrte Eltern
verehrte Kolleginnen und Kollegen
verehrte Ehrengäste unseres Hauses,
es ist für mich eine meiner liebsten „Dienstpflichten“ Euch, den Abiturientinnen und Abiturienten, die Abschlusszeugnisse in festlichem Rahmen überreichen zu dürfen. Ich möchte speziell hier nicht von einer „Dienstpflicht“, sondern von einer „Dienstfreude“ sprechen wollen, wobei dann wieder zu fragen ist, ob Pflichten nicht an sich Freuden sind oder zu sein haben – ein weites Feld.
Ich beginne meine Festworte wieder mit einer kleinen Geschichte, die diesmal aber nicht in der Antike „spielt“ – wie man mir wahrscheinlich angesichts gewisser Erfahrungen unterstellen wird -, sondern in der unmittelbaren Gegenwart. Gute Geschichten besitzen ohnehin eine zeitlose Aussage, so dass es eigentlich unerheblich ist, welche Zeit man sich für seine Geschichten aussucht.
Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Dagobert Duck ist ein brandaktueller „reality plot“, den ich jüngst in einer etwas anderen Form auf den Schreibtisch bekam. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich bin kein Spezialist in den Angelegenheiten der Familie Duck. Abgesehen von Asterix und Obelix, die ich als Altphilologe schon aus beruflichen Gründen intensiv kennen sollte, bin ich überhaupt kein Spezialist in der hier berührten Gattung. Aber hier wage ich mich einmal auf relativ unbekanntes Gelände und berichte über eine dramatische und bislang denke ich unbekannte Episode im Leben des Dagobert Duck, weil ich mich in unserer Zeit an ihn erinnert gefühlt habe:
Um seinen Umsatz zu steigern, beschließt Dagobert Duck, der Besitzer der Bierbar „Subprime“, die Getränke seiner Kundschaft – hauptsächlich Personen mit sehr geringem Einkommen – „auf den Deckel zu nehmen“, ihnen also Kredit zu gewähren. Das spricht sich schnell herum und immer mehr Kundschaft desselben Segments drängt sich in dieser Bierbar. Da die Kunden sich um die Bezahlung keine Sorgen machen müssen, erhöht Dagobert sukzessive die Preise für den Alkohol und damit massiv seinen Umsatz. Dagobert nimmt bereits regelmäßig die allseits bekannten euphorisierenden Goldmünzenbäder.
Der junge und dynamische Kundenberater der lokalen Bank bemerkt den enormen finanziellen Erfolg von Dagobert und bietet ihm zur Liquiditätssicherung eine unbegrenzte Kreditlinie an. Um die Deckung macht er sich keinerlei Sorgen, er hat ja als Deckung die Schulden der Trinker. Außerdem besaß Dagobert im Hinblick auf seine extrem renditestarken Investments einen legendären Ruf .
Zur Refinanzierung transformieren top ausgebildete Investmentbanker die Bierdeckel in verbriefte Schuldverschreibungen. Diese Papiere werden bei einer exotischen Offshore-Online-Versicherung per E-Mail abgesichert.
Daraufhin werden sie von mehreren Rating-Agenturen (gegen lebenslanges Freibier in der betreffenden Bar) mit ausgezeichneten Bewertungen versehen. Niemand versteht zwar, was genau diese Papiere beinhalten, aber dank steigender Kurse und hoher Renditen werden diese Konstrukte ein Renner für institutionelle Investoren. Vorstände und Investmentspezialisten der Bank erhalten Boni im dreistelligen Millionenbereich.
Eines Tages, obwohl die Kurse immer noch steigen, stellt ein Risk Manager (der inzwischen wegen seiner negativen Grundeinstellung selbstverständlich entlassen wurde) fest, dass es an der Zeit sei, die ältesten Deckel von Dagoberts Kunden langsam fällig zu stellen.
Völlig überraschend können nur sehr wenige ihre Schulden, von denen viele inzwischen ein Vielfaches ihres Jahreseinkommens betragen, bezahlen. Solange man auch nachforscht, es kommen so gut wie keine Tilgungen ins Haus. Die Bierbar „Subprime“ macht Konkurs. Dagobert verliert sein gesamtes Vermögen und badet nun ganz entgegen des herkömmlichen Klischees in Wasser und nicht mehr in Gold. Die Kurse der Anleihen verlieren 95 %.
Die Lieferanten hatten Dagobert extrem lange Zahlungsfristen gewährt und zudem selbst in die Anleihen investiert. Der Wein- und der Schnapslieferant gehen Konkurs, der Bierlieferant wird dank massiver staatlicher Zuschüsse von einer ausländischen Investorengruppe übernommen. Die Bank wird durch Steuergelder gerettet. Der Bankvorstand verzichtet für das abgelaufene Geschäftsjahr auf den Bonus.


